Gespräch zwischen Marian Kolenda und Rieke Frey über die „Stadtlandschaften“
R. F.: Im Zentrum der Ausstellung stehen Bilder aus deiner Reihe „Stadtlandschaften“.
Was fasziniert dich an diesem Thema?
M. K.: Ich wohne seit über zwanzig Jahren in der Großstadt und schätze das urbane
Leben mit seiner Dichte und Fülle an visuellen Angeboten. Diese unmittelbaren
Erfahrungen in eine Bildsprache zu transformieren, finde ich eine spannende
Herausforderung.
Wir schauen gerade auf die „Stadtlandschaft“ Nr. 2 dieses Jahres. Ich fühle mich durch die
vielen verschiedenen Perspektiven direkt in das Bild hineingezogen. Es gibt dort ein Spiel
zwischen weiten Ausblicken und flächig wirkenden Partien, die durch ihre starke
Farbigkeit die Atmosphäre emotional aufladen. Dabei entsteht eine spannungsvolle
Korrespondenz zwischen Farbfeldern und architektonischen Elementen.
Wie gehst du vor, wenn du so eine „Stadtlandschaft“ entwickelst? Hast du einen Plan
oder eine innere Vorstellung von dem Bild?
Meistens beginne ich sehr schnell mit einem spontanen Auftrag von Zeichen und
Linien und überlasse mich dabei ganz meiner Intuition. Eigentlich gehe ich nie von
einer konkreten Komposition aus. Ich möchte die Freiheit behalten, auf das zu
reagieren, was im Bild entsteht. Am Anfang gebe ich der weißen Leinwand Impulse.
Dann beginnt der Dialog.
Wie gibst du der Leinwand Impulse?
Ich würde das als freie Improvisation bezeichnen. Zunächst lege ich eine Spur. Das
geschieht durch eine spontane erste Setzung. Aus dieser ergibt sich dann die nächste,
die wiederum Voraussetzung für die folgende Entwicklung wird. Eine Farbe oder
Bildstruktur treibt andere Farben und Formen aus sich hervor, die wiederum ein
Eigenleben gewinnen, auf das ich kompositorisch reagiere.
Das erklärt für mich, wieso die Binnenstrukturen in deinen Bildern einerseits für sich
stehen und andererseits auf geheimnisvolle Weise miteinander verflochten sind. So
entsteht diese starke Konzentrierung im Bild während du deinen Assoziationen freien
Lauf lässt.
Die Offenheit, Einfällen und Bewegungen spontan zu folgen, ist nur am Anfang
gegeben. Jeder neue Schritt verändert das ganze Bild. Meine Arbeit ist ein
Wahrnehmungsprozess mit ständig neuen Entscheidungen, welche Formen und
Strukturen gerade Kraft entfalten und weiter herausgearbeitet werden wollen. Dabei
muss man damit umgehen, dass kontinuierlich Bildbereiche überlagert und scheinbar
zum Verschwinden gebracht werden. Insofern findet mit dem Herausschälen des
Themas aus der Fülle an Entwicklungsangeboten auch eine Verdichtung statt. Wichtig
ist mir, dass jederzeit viele verschiedene Blickwinkel möglich sind. Das ist in der Stadt
auch so. Es gibt dort nichts Statisches. Kein konkreter Blick hat lange Bestand. Früher
oder später wird er durchkreuzt durch etwas Bewegtes oder dadurch, dass man sich
selber bewegt.
Natürlich gibt es auch wiederkehrende Elemente in der Stadt, Dinge, an denen man
täglich vorbeigeht, die sich nicht zu verändern scheinen. Aber dann wandelt sich
plötzlich die Perspektive: Bäume, die keine Blätter mehr haben, treten in eine andere
Beziehung zu der dahinter liegenden Häuserfront als zuvor. Ein gestern noch frisch
gestrichener Hauseingang ist über Nacht mit Graffiti überzogen. Es entstehen ständig
neue Überschneidungen und Spannungsverhältnisse, die überraschen und Interesse
wecken. Ich möchte in meinen Bildern einen ähnlichen Zugang ermöglichen ...
... wie du ihn erlebst, wenn du in der Stadt unterwegs bist?
Ja, weil die Stadt für mich kein feststehendes Bild ergibt, sondern ein ständig bewegtes
multiperspektivisches Geschehen hervorbringt.
Komposition heißt für mich letztlich, eine Ordnung zu schaffen.
Wie meinst du das?
Während der ersten Mal-Sessions lasse ich ja zunächst einmal alle nur denkbaren
Assoziationssprünge zu. Das können eher linear-graphische wie auch flächigmalerische
Einfälle sein. Auf der Leinwand verdichtet sich diese Vielzahl oft
fragmentarischer Verknüpfungen zu einem überbordenden Geflecht. Das kann zu
einem durchaus verwirrenden, chaotischen Zustand führen, den man mit dem Moment
der Reizüberflutung in der Stadt vergleichen könnte. An diesem Punkt beginne ich,
Ordnung zu schaffen, indem ich Oberflächen und Texturen so lange behandle, bis ich
das Gefühl habe, dass sich die einzelnen Bildelemente gegenseitig befruchten und
stabilisieren.
Das finde ich sehr spannend. Wenn ich z. B. das linke Feld in der „Stadtlandschaft“ vor uns
betrachte, erhält der Ausblick dort seine Tiefe nur durch das rote Feld auf der rechten
Seite. Diese Wirkung wird durch den starken Zug von unten nach oben im Bild noch
unterstützt. Es entsteht eine Bewegung, welche die verschiedenen Bildelemente in eine
gemeinsame Schwingung versetzt.
Für mich legt sich jede Komposition irgendwann auf ein Thema fest. Das kann in
manchen Bildern ganz konkrete Formen annehmen, in anderen weniger ausgeprägt
sein. Allerdings sind die „Stadtlandschaften“ keine Abbilder meiner Erlebnisse oder
Wahrnehmungen. Dinge, die mich in der Stadt interessieren, sind oft sehr flüchtiger
oder beiläufiger Art.
Genau diese vorübergehenden Konstellationen, die man im Alltag gerne übersieht, diese
scheinbaren Nebensächlichkeiten bekommen in deinen Bildern Gewicht und Bedeutung.
Sie fordern dazu auf, sich mit Einzelheiten und Details zu beschäftigen, um das Ganze zu
begreifen. Das macht deine Stadtlandschaften so einladend und kommunikativ. Der
Betrachter bekommt Lust, sich auf die Gemälde einzulassen und mit seinen Sinnen dort
spazieren zu gehen.
Die Bilder als Angebot zu sehen, sich darin länger aufzuhalten und eigene
Entdeckungen zu machen, gefällt mir gut ...
Und der Reichtum an wechselnden Szenen und unterschiedlichen Formationen macht
dabei spürbar, wie komplex eine Stadt ist. Sind deine „Stadtlandschaften“ erst dann
fertig, wenn sich auch dort die Fülle an verschiedenen Eindrücken und Perspektiven
wiederfindet?
Darauf achte ich nicht bewusst, aber indirekt vielleicht schon. Ich suche in meinen
Bildern nach einer Entsprechung für die Wirklichkeit, die ich in der Stadt erlebe. Dabei
benutze ich das Thema Stadtlandschaften sehr frei und offen. Es geht mir nicht um
konkrete Abbildung urbaner Situationen oder städtischer Komplexe. Mich interessieren
z. B. diese „natürlichen Kompositionen“, die sich im Vorbeigehen eröffnen und wieder
verschwinden.
Bewegung und Wandel – sie drücken sich auch in der Oberflächenstruktur und Dynamik
deiner Bilder aus und lassen mich an die Menschen denken, die in der Stadt wohnen.
Welche Rolle spielen in deinen „Stadtlandschaften“ menschliche Erfahrungen und
Geschichte als wesentlicher Teil der Stadt?
Für mich gibt es viele Parallelen im Prozess des Malens und im Entstehen bzw.
Wahrnehmen einer Stadt. Alles setzt sich aus unzähligen kleinen Bewegungen
zusammen, die aufeinander aufbauen und Voraussetzung für den nächsten Schritt
sind. Dabei lasse ich in meinen Bildern nur selten Menschen auftreten oder sichtbar
werden.
Und doch öffnen sich für mich in den „Stadtlandschaften“ oft ganz unvermutet und
überraschend Innenräume, die Persönliches andeuten. Farbfelder, die Wärme und
Intimität ausstrahlen, besetzen wichtige Positionen im Bild. Deine Städte wirken auf mich
nicht menschenleer oder tot, sondern scheinen von innen heraus zu pulsieren durch ihre
Farben und spannungsvollen Fügungen.
Was für eine Bedeutung haben für dich die Farben? Wie wählst du sie aus?
Mein Umgang mit den Farben entspricht meiner Art, durch die Stadt zu gehen. Ich kann
dabei nicht planen, was ich wahrnehmen will. Wenn ich etwas Interessantes entdecke,
dann picke ich mir das heraus.
Auch beim Auftrag der Farben lasse ich mich gerne von dem, was auf dem Bild passiert,
überraschen. Dabei verbinde ich Farben nicht mit bestimmten Emotionen.
Besonders spannend beim Malen finde ich das Unvorhersehbare. Wenn z. B. plötzlich
zwei Flächen aufeinanderprallen, ohne dass ich das vorher direkt geplant habe. Dies
geschieht in der Stadt auch ständig. Da fährt ein gelber Bus an einer interessanten
Fassade vorbei – dies hat für einen kurzen Moment etwas Spektakuläres. Im nächsten
Augenblick kann der Ort schon wieder seinen Reiz verloren haben.
Dieses Momenthafte erlebe ich ganz stark in den unterschiedlichen Zuständen und
Blickwinkeln in deinen Bildern. Flächiges und Körperhaftes, Außenansichten und
Innenleben stoßen oft unvermittelt aufeinander und relativieren sich gegenseitig. Nahes
und Fernes, Fiktives und Reales treten gleichwertig nebeneinander auf. Alles hat
scheinbar selbstverständlich seinen Platz in einem architektonisch gefügten Raum, in
dem alles möglich ist.
Eine Stadt ist ja etwas komplett Gemachtes. Selbst die Natur, die dort vorkommt, wurde
angelegt oder entworfen. Und jede Stadt hat eine Entstehungsgeschichte, die bis in
den gegenwärtigen Moment hineinreicht und ständig einem Wandel unterliegt. In
diesem Sinne ist Menschsein in einer Großstadt irrsinnig komplex und emotional
höchst anspruchsvoll. Darauf kann ich in meinen Bildern nicht direkt Bezug nehmen.
Aber indirekt geben Fenster und Durchlässe, Verspieltes und Geflicktes Hinweise auf die
Menschen, die in dieser Welt leben und gestalterisch auf sie einwirken. Auch in den
farbigen Zusammenschlüssen und Gegenüberstellungen klingt Subjektives und
Emotionales an. In einem aufregenden Wechselspiel verbinden sich Fernsicht und Nähe,
Distanz und Intimität. Unvereinbares scheint zu gleicher Zeit stattzufinden. Das ist ein Teil
der Spannung in deinen Bildern und auch des Lebens in der Großstadt, finde ich.
Natürlich ist das Emotionale und Kontroverse, das du ansprichst, Teil der
„Stadtlandschaften“, auch da wo es nicht konkret sichtbar wird.
Deine Kunst hat für mich trotz oder vielleicht auch gerade wegen dieser Vielfältigkeit und
Vielschichtigkeit etwas sehr Essentielles. Essenzen konzentrieren sich in der Regel auf
wenige Grundelemente. Folgt daraus: Je essentieller eine Arbeit ist, umso weniger hat
Konkretes einen Platz?
Ich habe eigentlich nicht das Bedürfnis, Konkretes zu vermeiden. Mein Vorgehen ist
eher ein ständiges Filtern bis das stehen bleibt, was für mich Geltung hat. Wenn Essenz
entsteht, dann geschieht dies durch Überlagerung und Konzentration.
Und wann oder wie entscheidest du, dass ein Bild fertig ist?
Das ist ein ähnlicher Prozess wie zu Beginn eines Bildes. Ich folge da ganz meiner
Intuition. Am Anfang gibt es viele Wege, zum Schluss bleibt nur noch einer übrig, der
letztlich gilt.
Ich frage mich gerade, ob nicht mit jedem Bild auch ein Prototyp für das Leben
geschaffen wird.
Das kann man schon so sehen. Die Bilder der „Stadtlandschaften“ sind zwar Teil einer
Reihe. Letztlich steht aber jedes auch für sich, ist in sich abgeschlossen und sucht
jeweils nach einer Entsprechung für das Ganze.
A Day In The Life